Beschönigungsreflex

Ich erwarte Gäste.

 

 

Nach Tagen auf dem Land unter einfachsten Bedingungen beginnt der Tag mit Waschen. Hinter den Ohren, durchs Gesicht, die Füße. Irgendetwas ist anders als beim Duschen in der Zivilisation. Auf dem Stuhl, draußen in der ersten Morgensonne, mit Krug, Seife und Schüssel. Es ist ein Gefühl von Ritual, etwas Einmaliges und Uraltes.

 

Nicht uralt sind die leise-surrenden, dumpfen, rhythmischen Geräusche, die ich nach dem Aufwachen höre. Heute zum ersten Mal. Hier am Rande von Nirgendwo dringen manchmal, je nach Windrichtung, die Autos von der entfernten Schnellstraße an mein Ohr, noch seltener donnern landwirtschaftliche Maschinen den Pflastersteinweg entlang. Beides kommt als Ursache nicht in Frage. Es ist ein propellerartiges Geräusch. Wie ein immer wiederkehrender gigantischer Flügelschlag eines Archaeopteryx, eines Urvogels.

 

Als mir dämmert, was es ist, beschließe ich reflexartig, davon sicher nichts zu schreiben.

Windradgetöse passt nicht in die Idylle des Heimatgarten Liebe. Dann ärgere ich mich, dass ich mich verantwortlich fühle, die Welt schöner zu malen, als sie ist.

 

Vor Jahren habe ich geschrieben: Illusionen sind die Lidschläge des Lebens.

Etwas, was mit dazugehört im Spalt zwischen Bewusstsein und Unbewusstem.

Inzwischen finde ich, die Kunst liegt darin, die Spannbreite zwischen Illusion und Enttäuschung möglichst gering zu halten. Es fühlt sich ungewohnt erwachsen an.

 

 

Der Besuch kommt mit dem Fahrrad die Anhöhe herauf. Mit den mitgebrachten Gedichten, bei einem Picknick am See vermischen wir Verspieltheit mit dem nötigen Ernst. Die Frage des Tages ist: Wie kann man erwachsen, verspielt und glücklich sein? Tja, wie?

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