Freiwillig Robinson Crusoe

Längere Zeit bin ich schon draußen in der Uckermark. Es gibt eine Pflastersteinstraße neben dem Grundstück, die ins Tal führt. Die Gegend hat Hügel, Felder mit Gräsern,  goldenem Korn. Insgesamt ein Drittel Zivilisation und zwei Drittel Robinson Crusoe für mich als Stadtkind. Manchmal ist es so abgeschieden, dass ich aufschrecke, wenn eine Landmaschine mit lautem Getöse vorbeifährt. 

 

Der Moment morgens, das erste was ist, nach dem Wachwerden in der Jurte, sind Geräusche, die ich nicht einordnen kann. Vogelgezwitscher ja, aber welche? Kratzen, Gurren, Rattern. Fasane? Das Schreien der Kraniche hab ich wiedererkannt. Zwei Katzen sind mir heute schon über den Weg gelaufen. Weiß mit schwarzen Punkten und eine Karamelrote auf der Flucht. 

Katzen haben alle Pfoten ausgestreckt in der Luft, wenn sie richtig Tempo machen: Sie fliegen. Die Karamelrote muss nicht bremsen, sie jagt einfach über die Felder, solange sie will. Bis sie im hohen Gras verschwunden ist. Und die Frage: Warum flüchten eigentlich die meisten Tiere, wenn sie einem Mensch begegnen?

 

Wenn ich in meinem Robinson Crusoe-Leben aus der Jurte trete, stellen sich mir soviel mehr Fragen als in Berlin. Ich gehe barfuß raus und muss dann Brennesseln und Disteln ausweichen. Jeder Schritt ist achtsamer. Besser ist es mit Leder unter den Füßen. Ich hole Wasser, wofür und welche Temperatur? Wo ist ein Platz mit Sonne und Schatten zum Frühstück machen? 

Es lebe der Komfort von Tischen und Ablagen! Ich hatte mir aus Berlin eine ausrangierte Küchenzeile mitgenommen. Sie ist jetzt meine Sommer-Außenküche. Einen Gaskocher dazu, zwei Schüsseln zum Spülen, alles ohne Bücken. Welchen Preis bezahle ich, wenn ich als Städter Zehn- bis Zwanzigtausend Euro für eine Küche ausgebe? 

 

Hier habe ich Zeit und Freiheit. Der Wind macht mir eine Gänsehaut. Ein Tagpfauenauge landet vor mir auf der warmen Wand vom Schuppen. Schmetterlingsglück.

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