Viel enger als anderthalb Meter

In den letzten Wochen habe ich von den Menschen um mich herum so viel Wesentliches erfahren: Womit sie sich beschäftigen, wenn sie nicht voll in ihr Arbeitsleben eingebunden sind. Genau wie bei mir gab es eine Phase, wo die Verletzbarkeit jedes Einzelnen so deutlich wurde. Stärker als je zuvor habe ich wahrgenommen, wie sehr die eigenen Gedanken die Wirklichkeit innerhalb einer Wohnung, einer Lebenswelt, erschaffen haben. 

 

Was da war, war auch alles irgendwo in mir: Der Schock der Vergänglichkeit, die Angst vor dem Tod und um die wirtschaftliche Existenz. Die Versuchung, sich selbst ausschließlich als Opfer der Umstände zu sehen. Ohnmacht. Ellenbogen. Und auch die Eigenverantwortung und Suche nach dem besten Weg, gesund zu sein und zu bleiben. Als einzelner Mensch und als Gemeinschaft. Das Mitgefühl mit Anderen.

 

Was auch da war: Die Erleichterung, dass sich alles ändern kann. Die Hektik und die sogenannten Sach-Zwänge waren weg. Ich hatte viel Freude, ganz nach dem eigenen Rhythmus und wenn es passte, auch nach dem gemeinsamen mit dem Partner und der Familie zu leben. Ruhe. Selten habe ich Eltern in Momenten auf der Straße so spielen sehen. Mehr Spaziergänge, tiefes Durchatmen, Zeit für die kraftvollen Wunder des Frühlings und Zeit für die Sinn-Frage: Wie geht es mir UND gleichzeitig den Anderen gut?  Wo entscheide ich aus Angst und wo aus Liebe?  Wie passen die Freiheiten des Einzelnen mit dem Wohl der Allgemeinheit zusammen? Und noch vieles mehr, was in mein eigenes näheres und weiteres Universum gehört. 

 

Ich bin mir selbst und den anderen Menschen geistig und virtuell sehr nahe gekommen – viel näher als vorher: Dadurch habe ich Gemeinsamkeiten und trennende Dinge sehr deutlich gespürt. Und Schwächen. Ich glaube, dass die Impfung gegen eine Bedrohung im Geist passiert: Indem ich total ehrlich zu mir bin und meine seelischen und körperlichen Schwachpunkte mit Liebe betrachte und aktiv für mich nach Heilung suche. Was für mich gilt, muss nicht auch für den Nächsten gelten. Heilung ist ein ureigener seelen-intimer Prozess, der oft auch ungeahnte innere und äußere Veränderungen mit sich bringen kann. Keine Injektion, keine Tablette, keine Operation und kein Arzt kann ihn ersetzen. Es gibt keinen Impfstoff gegen den Tod. Ebensowenig gegen meine eigene Trägheit. Auch die Auseinandersetzung mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit fühlte sich wie ein Teil der Heilung an. Für mich ist es so: Jeder und jede Einzelne ist ein wunderbares, freies und schöpferisches Wesen mit seinem eigenen Lebensweg und ungeheuerlichen Herausforderungen. Unsere Körper folgen unserem Geist, unserer Seele. Alles drei ist eng miteinander verbunden. Viel näher als anderthalb Meter.

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